Die letzten Tage war es sehr ruhig. Ich habe eine Anfrage abgeschickt für ein WG-Zimmer in Winterhude mit einer ganz netten Beschreibung und prompt eine Antwort erhalten, ich könne ab Mittwoch für eine Besichtigung vorbeikommen. Leider bleibt meine Antwort bisher ohne Reaktion, sodass ich heute noch einmal eine Email losschicke. Ohne Nummer kann ich auch nicht anrufen, sodass ich nur abwarten kann, ob da noch was kommt.
Rothenburgsort + 1,10 €/qm = Harvestehude
Einen ruhigen Moment im Büro abpassend lege ich eine Rauchpause ein und frage bei der Gelegenheit, Apfeltelefon sei Dank, meine Emails ab. 6 neue Immobilien, sehr schön, jedoch zu viele, um die Anzeigen während einer Zigarettenlänge alle durchzugucken. So lese ich nur die Überschriften: Mi. 7.4. Besichtigung 18:30 Uhr heißt es im vorletzten Angebot in der Email.
Das Angebot klingt traumhaft: Eine 2-Zimmer-Wohnung, 75 Quadratmeter, in einer Harvestehuder Jungstilvilla in der Brahmsallee, direkt am Innocentiapark. Noch traumhafter – und damit fragwürdig – klingt die Miete: 595 € kalt, 760 € warm. Das einzige, das mir in der Anzeige negativ auffällt, ist, dass die Wohnung parterre liegt.
Klar muss da was faul sein! Dass bei man in Harvestehude eine Wohnung für gerade mal 1,10 €/qm mehr kriegen kann als bei mir im Ghetto, ist mehr als zweifelhaft. Ich erzähle einem meiner Chefs, der für sicherlich deutlich teurere Quadratmeterpreisen in Harvestehude wohnt, dass ich mir nachher eine Wohnung in Harvestehude mit dreistelliger Warmmiete angucken werde. „Ist doch in Ordnung... für zwölf Quadratmeter...“ Mit dem anwaltlichen Rat, dem Gaul genau auf den Zahn zu fühlen, verlasse ich die Kanzlei gerade noch rechtzeitig.
Eine spontane Besichtigung
Dass „direkt am Innocentiapark“ gelinde gesagt leicht untertrieben ist, merke ich schon auf dem Weg durch die Brahmsallee – es gibt kaum ein Haus in dieser Straße, das vom Innocentiapark weiter entfernt sein könnte. „Vor der Haustür“ meint wohl eher, dass es sich nicht lohnt, mit dem Auto dahin zu fahren. An der Rückseite der Grindelhochhäuser vorbei gelange ich an die zwischen den Hochhäusern gleichsam versteckt gelegene Jungstilvilla, vor der schon die üblichen 30 Interessenten Schlange stehen.
Die Maklerin kommt wie üblich ein paar Minuten zu spät, dafür ist sie umso besser gelaunt und geht mit der Aufforderung, ihr zu folgen, schnurstracks zu einem kleinen Nebeneingang der Villa. Irgendwie kommt von den Interessenten niemand in Bewegung, während die Maklerin schon in die Wohnung vorgepest ist. Obgleich bestimmt 20 Leute vor mir stehen, bin ich letztlich der erste, der nach ihr in die Wohnung kommt.
Der Haken ist gleich augenscheinlich: Tiefparterre, also – nach vorne heraus – noch eine halbe Etage unter dem Erdgeschoss. Letztlich ist neben dem Flur nur eins der Zimmer betroffen und selbst dort ist es dank eines großen Fensters noch hell genug. Die Räume sind nicht so hoch wie, vermutlich, diejenigen in den höheren Stockwerken. Ich versuche, auf Zehenspitzen mit der Hand gegen die Decke zu kommen. Es gelingt gerade soeben nicht. Zuhause komme ich gerade soeben an. Immerhin etwas.
Je länger ich mich umsehe, desto mehr gefällt mir die Wohnung sogar richtig gut. Eine Art kleiner Garten hinter dem Haus, eine große Küche und selbst das Duschbad hat noch ein großes Fenster. Das Zimmer, das nach hinten raus geht, ist durch die großen Fenster sehr hell.
Die Wohnung ist noch vermietet und auch erst ab Juni frei. Auch was die Familie erzählt, die zu dritt in der kleinen Wohnung zu leben scheint, deutet nicht auf einen eklatanten Grund für diesen Mietpreis hin – allein Tiefparterre kann es ja nun nicht sein.
Ich spreche die Maklerin direkt darauf an. Sie gibt ziemlich deutlich zu verstehen, dass der Vermieter keine Lust hat, zu überteuerten Preisen an neureiche Yuppies zu vermieten, die in einem halben Jahr wieder ausziehen müssen, weil sich mit nachmittäglichem öffentlichen Latte-Macchiato-Schlürfen kein Lebensunterhalt verdienen lässt. „Ein solventer Angestellter ist ein langjähriger Mieter, das wird höheren Mieteinnahmen gegenüber bevorzugt.“
Die Maklerin ist total nett. Als ich meine Arbeitsstelle anspreche, erkundigt sie sich, in welchen Bereichen die Kanzlei tätig ist. Sie fragt die Leute, die sich die Selbstauskunft geben lassen, nach den Namen und macht sich jeweils Notizen. Wie bei der Dreamhouse soll das Formular erst am nächsten Tag via Fax oder Mail wieder übersandt werden. Das werde ich wohl tun. Freitag gibt’s dann die Entscheidung.