Ich führe diverse Telefongespräche und schmeiße bei der zweiten Durchsicht ein paar Anzeigen wieder aus dem Ordner raus – zu teuer, zu weit weg, zu fragwürdige Konditionen oder Mitbewohner.
Eigentlich wollte ich zu einer klassischen Wohnungsbesichtigung mit einer unbekannten Anzahl an Interessen in die Semperstraße in Winterhude. Da ich abends zum 30 Seconds to Mars Konzert will und den ganzen Tag mit Durchsicht von Anzeigen verdaddelt habe, wird mir die Zeit knapp. Schließlich muss ich vor dem Konzert zumindest noch etwas essen. Da die Wohnung eh im Grenzbereich zu Barmbek Süd liegt und zudem relativ teuer ist, beschließe ich, die Besichtigung ausfallen zu lassen. Schon macht sich mein System bewährt, im Kalender einzutragen, ob ich einen extra Termin zur Besichtigung habe oder nicht.
Beste Lage in Balkonien
Nachdem ich Montag Nacht noch einem Freund helfe, seinen Rechner platt zu machen und Windows neu aufzuspielen, schlafe ich Dienstag bis 14:00 Uhr. Scheiße! 15:30 Uhr habe ich schon die erste Besichtigung (Nr. 9) in einer 4er-WG in der Grindelallee/Rotherbaum. Ungefrühstückt und unterkoffeiniert mache ich mich auf den Weg. Die Anzeige zu der Wohnung war recht lakonisch, eine 20jährige, ein 23jähriger und ein 53jähriger suchten einen „entspannten“ Mitbewohner und: „PS: Wir sind ziemlich cool...“. Das konnten natürlich irgendwelche Yuppies sein, die sich tatsächlich für „cool“ hielten, aber schon der Umstand, dass zwei so junge Leute mit einem 53jährigen zusammen wohnen, machte neugierig und weckte die Hoffnung, dass das PS ironisch gemeint ist.
Der 53jährige ist nicht da. „Der ist Manager und fast immer unterwegs.“ heißt es. Die beiden anderen sind ganz nett, aber auch nicht so nett, dass ich auf Anhieb dort eingezogen wäre. Die Wohnung selber ist super – kein Zimmer ohne Balkon, zudem bestand noch die Möglichkeit, aufs Dach zu gehen; alles war sehr hell und mit Laminat ausgestattet, die Wohnung ist insgesamt sehr groß. Dafür ist offensichtlich, dass die Mitbewohner sich mit Besichtigungen total übernommen hatten – allein an dem Tag sollten 17 Termine stattfinden und man wusste teilweise schon gar nicht mehr, wer genau hinter einem Namen auf der Interessenliste stand. Die wenigen Rückfragen zu meiner Person ließen nicht auf übermäßiges Interesse schließen, gleichwohl wollte man sich bei jedem Interessenten bis Ende der Woche melden.
Klassische Besichtigung Nr. 22
So ziehe ich weiter gen Winterhude, wo ich um 17:30 Uhr eine 2-Zimmer-Wohnung in der Jarrestraße besichtigen will. Es ist eine klassische Hamburger Massenbesichtigung, wobei „nur“ ungefähr 25 Leute sich die Wohnung angucken, die auch nicht alle Interesse daran habten. Die Wohnung selber ist in etwa so groß wie meine jetzige, wobei aufgrund des Schnitts der Zimmer WG-Leben schwierig würde. Bei 350 Euro kalt kann ich sie mir auch noch alleine leisten. Nicht so schön ist der Umstand, dass die Wohnung per Nachtspeicherheizung beheizt wird und dass das gesamte Badezimmer ungefähr so groß ist, wie meine Badewanne. Außerdem liegt die Wohnung im Erdgeschoss und die Jarrestraße ist nicht gerade ruhig. Trotzdem fülle ich den Zettel aus, dass ich sie kriege, ist ohnehin recht unwahrscheinlich.
Doch kein Billig-Winterhude
Eigentlich will ich schon ins Bett gehen, da sehe ich, dass der Engländer mir geantwortet hat mit der Luxus-Wohnung für 600 Euro in Winterhude. Auf meine Anfrage geht er gar nicht ein, sondern wiederholt nur seine Ausführungen, dass die Wohnung 600 warm kostete. Ein britischer Lieferdienst würde den Schlüssel gegen Kaution und Monatsmiete in bar tauschen, falls ich kein Interesse hätte, würde ich das Geld wieder kriegen und der Schlüssel würde zurückgeschickt, ansonsten könne ich das Objekt gleich beziehen.
Dass meine Fragen nicht beantwortet wurden und der Vermieter bei seinen Konditionen bleiben wollte, kam mir doch etwas merkwürdig vor, sodass ich beschloss, erstmal seinen angegebenen Lieferdienst zu googlen. Im Ergebnis fand ich den Text, den er mir geschickt hatte, in geringfügig veränderter Form komplett im Netz: Die Masche ist nicht neu, mietwilligen Interessenten durch einen fiktiven Lieferdienst Geld abzuknöpfen, ohne dass dafür eine Gegenleistung erfolgt.
So blieb mir nur, mich für den aufwändigen Betrugsversuch zu bedanken und die Wohnung wieder aus dem Ordner zu nehmen.
Die halbe Miete
Mein Mittwoch beginnt etwas früher als der Dienstag. Ich nutze den Vormittag, weitere Angebote rauszusuchen. Außerdem frage ich bei der Arbeit an, ob ich den Freitag noch frei machen kann – ich hätte eigentlich gleich drauf kommen können, dass ich so mit nur 6 Werktagen Urlaub insgesamt 10 Tage kanzleiabwesend sein könnte, aber irgendwie war ich nur darauf fixiert, eine Woche Urlaub zu nehmen. Man will es sich überlegen, es kommt wie immer drauf an, was konkret noch anfällt...
Ich überarbeite meine Suchanzeige bei WG-Gesucht.de mit einer ausführlicheren Personenbeschreibung. Damit sollte sich jeder ein Bild von mir machen können, sodass mich Leute, bei denen es eh nicht passte, gar nicht mehr kontaktieren. Nachdem mir darüber bisher nur eine sehr teure Wohnung in Eppendorf angeboten wurde, kam heute morgen noch eine Anfrage für ein WG-Zimmer direkt an der U-Bahn Mundsburg. Das ist zwar eine schöne Gegend, aber dafür, dass es recht laut und teuer ist, auch zu weit von meiner Arbeitsstelle entfernt.
Als nächstes ruft einer an: Er habe ein Zimmer in einer tollen 100 Quadratmeter-Wohnung, das Zimmer selber sei 20 Quadratmeter groß. Naja... dafür würde es 500 Euro kosten. „...aber in der Langen Reihe, St. Georg, das interessiert Dich doch bestimmt?“ Ich wimmle ab, das sei zu weit weg von meiner Arbeit. Natürlich kann ich nicht verleugnen, dass es mich reizt, mitten in der Schwulenszene zu wohnen. Auf der anderen Seite will ich dafür keine 500 Euro im Monat zahlen, erst recht nicht für ein 20 Quadratmeter-Zimmer. Ich denke, für 100 Euro weniger hätte ich es mir zumindest mal angeguckt.
Heute stehen noch zwei Termine an: Nr. 2 in der Grindelallee/Rotherbaum, eine Zwei-Zimmer-Wohnung über eine Wohnungsgesellschaft, zu der ich keine weiteren Angaben habe, als dass sie um die 700 Euro kalt kosten soll. Dass man sich meinen Namen notiert hat, deutet darauf hin, dass der Termin nur für mich ist, was mich auf der anderen Seite bei einer Wohnungsgesellschaft etwas wundert. Um 20:00 Uhr bin ich bei der Nr. 7, einer 3er-WG mit zwei jungen Studenten in der Rehmstraße in Winterhude. Was ich dabei erlebe, steht in meinem nächsten Post...

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